Über „Mei“ oder „Wiedergutmachung von Unrecht“

Verwirrungen bei der Übersetzung der Bezeichnung „Meihua“

 

LI Shixun

 

Bada Shanren[1]: Meihua

 

Als ich vor zehn Jahren den Artikel „Über die Ausgabe der vollständigen Übersetzung des Romans «Jin Ping Mei»[2] durch die Gebrüder Kibat u.a.“ (veröffentlicht in der Zeitschrift „Wen Xun“ Nr. 6/7 1991 in Taiwan ) schrieb, stellte ich fest, dass sie den Buchtitel mit «Djin Ping Meh» wiedergegeben hatten – und der Untertitel lautete: Schlehenblüte in goldener Vase. Dann schlug ich die gekürzte Übertragung dieses chinesischen Romans von Franz Kuhn nach. Er hatte den Buchtitel mit «Kin Ping Meh» wiedergegeben - der Untertitel lautet: „Oder die abenteuerliche Geschichte von Hsi Men und seinen sechs Frauen“. In seinem Nachwort als Übersetzer erläutert Kuhn, dass der Buchtitel „Pflaumenblüte in goldner Vase“ bedeute. Aber weder Schlehenblüten noch Pflaumenblüten sind identisch mit dem Begriff „Meihua“, den Blüten des Mei-Baums. Beide bringen die Eigenschaften und die Bedeutung von „Meihua“ nicht korrekt zum Ausdruck.

 

Vor kurzem sah ich in Berlin die uralten Noten (aus der Jin-Zeit, 265-420) des musikalischen Werkes „Drei Variationen über die Meihua“, die Frau Zhou Sanyou traditionell mit Pinsel kopiert hatte, und so kam ich zufällig wieder auf die Frage der Übersetzung von „Meihua“ zu sprechen. Nachdem ihr Ehemann, der Tibetologe und Sinologe Joachim Karsten, meine Erläuterung gehört hatte, fand er, dass ich Recht hätte. Außerdem habe er soeben ein Buch über „Meihua“ erhalten, nämlich „Das Meihua Xishen Pu des Song Boren (1197- ?) aus dem 13. Jahrhundert. Ein Handbuch zur Aprikosenblüte in Bildern und Gedichten“ von Peter Wiedehage (Monumenta Serica Monograph Series XXXII). Darüber war ich sehr froh und lieh es mir für weitergehende Recherchen aus.

 

In Wiedehages Dissertation von mehr als 400 Seiten wird „Meihua“ entweder in dieser Form der phonetischen Transkription nach der chinesischen Lateinumschrift Pinyin verwendet oder ansonsten überall als Aprikoseblüte übersetzt. In einer Fußnote der Einleitung findet sich jedoch folgende Anmerkung:

 

Die Meihua wird in westlicher Literatur als „Pflaumenblüte“, „Chinesische Essigpflaume“, „Winterkirsche“ oder auch „Schlehenblüte“ übersetzt. Tatsächlich steht botanisch gesehen die Meihua der Aprikose am nächsten und wird in Zander-Handbuch der Pflanzennamen als „Japanische Aprikose“ aufgeführt (vgl. Fritz Encke, Zander-Handwörterbuch der Pflanzennamen, S. 494). Vom deutschen Arzt und Botaniker Siebold wurde sie in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts bei seinem Aufenthalt in Japan als Prunus mume benannt (ume ist die japanische Lesung des Zeichens für Mei). In China lautet ihr botanischer Name wu Mei[3] (vgl. Zhongguo bencao tulu, hrsg. von Xiao Peigen, Bd. 3, hrsg. von Yan Zhongkai, Eintrag Nr. 1184). Zusammen mit Pfirsich, Mandel, Pflaume und Kirsche zählt sie zur Gattung Prunus und wird der Familie Rosaceae, Unterfamilie Prunoidea zugeordnet. Ihre über 200 Spezies[4] werden in fünf Subgenera unterteilt, wobei die Meihua zusammen mit der Aprikose (Prunus armeniaca) zur Untergruppe Armeniaca des Subgenus Prunophora (Pflaume) zugeordnet wird. … Da sie ursprünglich ein im südlichen Teil von Shanxi beheimateter Baum ist, läßt sich die Bezeichnung “Japanische Aprikose” nur historisch verstehen. Im folgenden wird zur Vereinfachung Meihua mit „Aprikosenblüte“ übersetzt.

 

Nachdem ich diese Anmerkung gelesen hatte, fand ich, dass seine Recherchen zwar gewissenhaft und gründlich waren und er darüber hinaus die richtige Schlussfolgerung zog: Mei, Schlehe, Pflaume und Aprikose gehören zur Familie Prunus wie die Schwestern und haben jede einen eigenen Namen. Aber leider hat er „zur Vereinfachung Meihua mit Aprikosenblüte übersetzt“, so dass seine Recherchen eigentlich umsonst waren und leider keine Klarheit in die Übersetzung dieses Pflanzennamens brachten. An diesem Punkt fand ich, dass mit dieser babylonischen Sprachverwirrung keine Tradition zu begründen sei sondern zu brechen. Man sollte darüber mit westlichen Sinologen diskutieren. Denn die botanischen Namen von Mei, Schlehe, Pflaume und Aprikose im Lateinischen sind ganz klar unterschieden, d.h. ihr Familienname ist sozusagen Prunus und ihre Vornamen sind gewissermaßen Mume, Spinosa, Salicina und Armeniaca. Da es im Westen die Pflanzen Schlehe, Pflaume und Aprikose gibt, existieren auch entsprechende Namen. Da es dort jedoch keine Pflanze Mei gibt, ist auch kein entsprechender Name eingeführt worden.

In einem solchen Fall kann die Verwendung einer phonetischen Übertragung in Verbindung mit einer Anmerkung nicht nur den richtigen Inhalt der Ausgangssprache übertragen, sondern auch die Zielsprache bereichern. Prominente Beispiele dafür sind die Bezeichnungen „Tee“ und „Tofu“ für Sojabohnenkäse, die ursprünglich aus dem Chinesischen stammen, sowie das Wort „Kaffee“das ursprünglich aus dem Arabischen stammt. Wäre es nicht schön, Mei und Meihua phonetisch zu übersetzen? Warum sollte es notwendig sein, Mei als Schlehe, Pflaume oder Aprikose zu übersetzen?

 

Dieser Aspekt wurde im Kreis der Wissenschaft seit langer Zeit nicht beachtet. Im Chinesisch-Deutschen Universalwörterbuch, das von W. Fuchsenberger u.a. im Verlag für fremdensprachige Literatur Beijing herausgegeben wurde, wird zum ersten Mal „Meihua“ mit Mei-Blüte übersetzt, wobei die älteren Übersetzungsvarianten ebenfalls angegeben werden. Offensichtlich sollten die alten Übersetzungen korrigiert werden. Früher wurden diese fehlerhaften und im Ausland verbreiteten Übersetzungen in vielen chinesischen Wörterbüchern wiederholt. Im Oxford Advanced Learner´s Dictionary of Current English with Chinese Translation (Beijing 1995) wird zum Beispiel das englische „plum“ gleichzeitig mit Meizi (-Baum) und Lizi (Pflaume-Baum) übersetzt. Auf der entsprechenden Abbildung[5] ist jedoch nur eine Frucht zu sehen. Bemerkenswert ist, dass im Deutsch-Chinesischen Wörterbuch, das seit 1972 von der Beijing-Universität, der Tongji-Universität und dem Institut für Fremdsprachen Shanghai gemeinsam verfasst wurde, Pflaume nicht gleichzeitig auch mit Mei übersetzt wird. Außerdem hatte der bekannte chinesische Botaniker Zeng Mian bereits im Jahr 1941 die Arbeit „Mai Hwa: National Flower of China“ (Tsen, Mill, 1941) veröffentlicht, in der er Meihua nach der damals verwendeten Transkription mit „Mai Hwa“ wiedergibt.

Bei der Übersetzung des Namens Meihua im Westen herrscht ein einziges Durcheinander, welches für gewaltige Verwirrung sorgt. Ein ganz auffälliges Beispiel ist die Beschreibung der Pflaume (Lizi) im Buch «Blütenland China Nutz- und Heilpflanzen» von Ruth Schneebeli-Graf[6] (Verlag Birkhäuser, 1995). Sie unterscheidet nicht zwischen Mei und Li (Pflaume). Im Kapitel „Yu Li Ren“ erläutert sie unter der Überschrift Geschichte/ Kultur/ Symbolik wie folgt: „... Pflaume, Päonie, Lotus und Chrysantheme symbolisieren in der chinesischen Kultur die vier Jahreszeiten, wobei die Pflaume den Winter repräsentiert. Blüten und Früchte des Pflaumenbaums werden beide seit Jahrtausenden gefeiert, insbesondere das überraschende, frühe Aufspringen der Blütenknospen, oft sozusagen noch unter dem Schnee. Jedes Jahr ist der Zeitpunkt der Pflaumenblüte ein bewegendes Ereignis für alle, das seit Jahrtausenden in der Dichtkunst seinen Niederschlag gefunden hat, und die Maler wurden nicht müde, die abertausenden von Pflaumenblüten mit dem Tuschpinsel auf Seide oder Papier festzuhalten. So verwundert es nicht, dass die Volksrepublik[7] China die fünfzählige Pflaumenblüte als Nationalblume ausgewählt hat, die die fünf wichtigen Volksgruppen symbolisiert.“ ... Dabei handelt es sich um eine Verwechselung, die offenbar durch die frühere Übersetzung der Meihua als Pflaumenblüte entstand. Daher gibt sie diese Erläuterungen, die auf die Meihua zutreffen, fälschlicherweise in Bezug auf die tatsächliche Pflaumenblüte. Anschließend zitiert sie das Gedicht „Handeln des Edlen“ aus dem Lyrikband „Yuefu“, dem das Sprichwort „Guatian Lixia“ (Auf dem Melonenfeld und unter dem Pflaumenbaum = ein Ort, wo man leicht in Verdacht gerät) entstammt:

Vorsorglich ist der einsichtige Mensch.

Er vermeidet Ärgernis zu erregen:

Bindet nicht seine Schuhe auf dem Kürbis-Fleckchen,

noch rückt er seine Mütze zurecht beim gehen

durch einen Pflaumengarten.

 

(Die korrektere, aber nicht poetischere Übertragung zum Vergleich:

„Ein Edler beugt vor,

damit er nicht in Verdacht gerät.

Auf einem Melonenfeld bindet er sich nicht die Schuhe,

unter einem Pflaumenbaum rückt er sich nicht die Mütze zurecht.“)

(Übersetzung von Li Shixun)

 

An dieser Stelle das Gedicht über die Pflaume zu zitieren ist zwar nicht falsch, doch das Objekt der Ehrung vor diesen Zeilen soll eigentlich die Meihua sein, und nicht die Pflaume. Dies ist ein gutes Beispiel zur Illustration des Durcheinanders der Begriffe, das durch die falsche Übersetzung von Mei und Pflaumen verursacht wurde.

 

Mit einem Wort: für jemanden ohne eigene entsprechende sinnliche Erkenntnisse durch Sehen oder Schmecken vermittelt die Übersetzung von Mei mit Schlehe, Pflaume oder Aprikose nicht nur einen falschen Begriff, sondern lässt auch den Charakter der Meihua, die Kälte nicht scheut, und ihre symbolische Bedeutung in der chinesischen Kultur völlig verschwinden.

Deshalb bin ich der Meinung, dass es notwendig ist, darüber zu diskutieren und das „Unrecht“ wiedergutzumachen, das der Meihua bisher widerfuhr.

 

Gemeinsamkeiten und Unterschiede von

 Mei, Schlehe, Pflaume und Aprikose

 

Für Chinesen sind Mei, Schlehe, Pflaume und Aprikose die verschiedenen Dinge. Das steht völlig außer Frage. Viele Ausländer jedoch haben die Meihua weder bewusst gesehen noch die Früchte der Mei gegessen, haben nicht einmal das Bäumchen wahrgenommen. Für sie ist diese Differenzierung nicht so offensichtlich. Sinologen übersetzten früher Mei mit Schlehe, Pflaume oder Aprikose, so dass die ausländischen Leser entsprechender Werke Schlehe, Pflaume oder Aprikose für Mei halten mussten. So erfuhren sie, dass es in China Schlehe, Pflaumen und Aprikosen gibt, ohne zu wissen, dass daneben noch die Mei in China beheimatet ist. Natürlich ist ihnen auch die Meihua-Kultur nicht bekannt. Daher ist es notwendig, über die botanischen Merkmale und Unterschiede von Mei, Schlehe, Pflaumen und Aprikosen zu informieren.

 

Mei, Schlehe, Pflaume und Aprikose sind die verschiedenen Nutzpflanzen der Familie Prunus und gehören zu den Laubbäumen. Ihre Blüten sind zwar sehr ähnlich, doch ihre Stämme, Zweige, Blattformen, Blütezeiten, Größen, Farben und der Geschmack der Früchte sowie ihre Symbole unterscheiden sich stark.

 

Die Mei, lat. Prunus mume, ist dadurch charakterisiert, dass die Blüten einzeln sitzen und zwei Blüten gleichzeitig austreiben. Sie blüht vor dem Austreiben der Blätter. Ihre Blüten sind meist reinweiß oder rosarot bis dunkelrot. Sie öffnen sich am frühesten im Vergleich zu allen anderen Blütenpflanzen und blühen am längsten. Die Blüte beginnt im Dezember und erstreckt sich bis in den März[8]. Ihre Steinfrüchte sind kugelförmig und grün, wenn sie im unreifen Zustand gepflückt werden. Reife Früchte sind gelb, duften leicht und können als Obst gegessen werden. Im grünen wie im reifen Zustand ist ihr Geschmack stets sehr herb. Die Früchte, die eingelegt werden sollen, werden unreif gepflückt und je nach Farbe als grüne Mei, weiße Mei, gelbe Mei oder bunte Mei bezeichnet. Die unreifen Früchte werden geräuchert und zu Wu Mei verarbeitet. Anschließend können sie eingelegt oder auch zu einer Art Chutney verarbeitet werden. Außerdem können sie als Bestandteil chinesischer Medizin und für die Herstellung von Getränken verwendet werden. Die Meihua wird in drei Arten unterteilt: Echte Mei, Aprikosen-Mei und Pflaumen-Mei. Darunter werden nach der Form der Zweige fünf Sorten unterschieden: Mei mit geraden Zweigen, Mei mit hängenden Zweigen, Mei mit drachenlaufartigen Zweigen, Aprikosen-Mei und Kirsch-Pflaumen-Mei.

 

Die Schlehe, lat. Prunus spinosa, wurde auch Schehdorn und Schwarzdorn genannt. Rosengewächs. Strauch an Waldrändern, Rainen u.ä., blüht im Vorfrühling weiß; Blüten als Blutreinigungsmittel; Früchte zur Herstellung v. Schlehenwein. Die Früchte sind rund und violett, aber kleiner als die Pflaume. Ihre Blätter und Zweige sind ähnlich.

 

Die Pflaume, lat. Prunus salicina, hat weiße Blüten, die sich im Frühling öffnen. Ihre Blätter sind oval oder verkehrt-eiförmig. Die Früchte sind rund und violett oder dunkelgrün bis gelbgrün, das Fruchtfleisch ist dunkelgelb oder grün, näher am Stein violett. Sie können als Obst gegessen, eingelegt und zu Pflaumenmus oder Dörrobst verarbeitet werden. Der Stein, die Wurzel und die Baumrinde können in der Medizin verwendet werden. Der Stein enthält 45 % Öl. Die ursprünglich in China beheimatete Pflaume heißt Chinesische Pflaume. Es gibt außerdem die Europäische Pflaume und die Amerikanische Pflaume.

 

Die Aprikose, lat. Prunus armeniaca, hat einzelstehende oder zu zweit oder dritt stehende Blüten mit rosaroter Färbung, die sich im Frühling öffnen. Die Blätter sind breit-eiformig oder rund-eiförmig, der Blattrand stumpfzackig. Die unreifen grünen Früchte sind herb, reife Früchte sind goldgelb, rötlich fleckig und im Geschmack süß und saftig. Das Fruchtfleisch ist dunkelgelb. Die Früchte werden am Anfang des Sommers reif. Die Steine haben eine glatte Oberfläche ohne Flecken und Löcher sowie einen dicken Rand ohne Falten. Sie werden in der Medizin benutzt und enthalten 50 % Öl. Aprikosen werden als Obst gegessen, können eingelegt oder zu Marmelade verarbeitet werden.

 

An den botanischen Merkmalen ist zu sehen, dass die Mei weder mit der Schlehe und Pflaume noch mit der Aprikose identisch ist. Deshalb sollte die Mei(hua) weder mit Schlehen(blüte) Pflaumen(blüte) noch mit Aprikosen(blüte) o.a. übersetzt werden.

 

Die chinesische Meihua-Kultur

 

Der Ursprung, die Verbreitung und die Entwicklung der Mei

 

Mei ist eine chinesische Spezialität, die ursprünglich im heutigen China im Nordwesten von Guizhou, im Südwesten von Sichuan und in Osttibet beheimatet war. Vor 6000 Jahren waren Mei bereits südlich des Yangtse-Flusses verbreitet. Schon vor 3000 Jahren wurden sie kultiviert. Sie wurden im 2. Jahrhundert nach Korea und im 8. Jahrhundert nach Japan eingeführt. Erst im 19. Jahrhundert kamen sie nach Europa, Amerika und Australien.

 

Im «Bencao Gangmu» (Katalog der Wurzelkräuter) von Li Shizhen, in dem der Autor die «Mingyi Bielu» (Randnotizen berühmter Ärzte) von Tao Hongjing zitiert, heißt es: „Tatsächlich wächst die Mei im Tal von Hanzhong (heutige Provinz Hubei)“ und „es gibt sie in Hubei, Sichuan, Jiangsu, Hunan und im Huailing-Gebirge überall.“ Im Buch «Der Spiegel der Blumen» wurde erzählt: „Viele alte Meibäume sind aus Wuxia, Wuxing, Xihu, Kuaiji, Siming (heute Jiangsu und Zhejiang) u.a. Orten bekannt, die mehrere hundert Jahre alte Stämme haben.“ Eine Anmerkung im selben Buch lautet: „In einem Tal 1900-2000 m über dem Meeresspiegel am Oberlauf des Dadu-Flusses in Sichuan wachsen wilde Meibäume.“ Die Grenzgebiete der Provinzen Guangdong, Guangxi und Jiangxi im Dayu-Gebirge waren die Heimat der Meibäume. Das Luofu-Gebirge in der Provinz Guangdong war besonders bekannt für Meibäume, weswegen „Luofu“ später ein Synonym für Meihua wurde.

 

Das Leben eines Meibaums ist sehr lang und kann mehr als tausend Jahre erreichen. In China gibt es sehr alte Meibäume. Außer dem Baum „Tang-Mei“ (ein Meibaum aus der Tang-Dynastie (618-907) und dem Baum „Song-Mei“[9] (ein Meibaum aus der Song-Dynastie (960-1279) gilt der Baum „Jin-Mei“ (aus der Jin-Zeit, mehr als 1700 Jahre alt) auf der Ruine der „alten Tempel der Insel mitten im Fluss“ im Kreis Huangmei (Gelbe Mei) der Provinz Hubei als der älteste Meibaum Chinas. Die Farbe seines Stamms ist bereits dunkelgrau. Jedes Jahr blüht er in der Zeit Dahan (Große Kälte: 20. oder 21. Januar eines Jahres bzw. ein Monat früher nach dem chinesischen Mondkalender) und ist dann über und über mit Blüten bedeckt. Die Blütezeit erstreckt sich vom Winter bis weit in den Frühling hinein. Es gibt noch einen weiteren berühmten Meibaum, den Baum „Sui-Mei“ aus der Sui-Zeit (581-618), der sich im alten Tempel „Guoqing Gusi“ auf dem Berg Tiantai in der Provinz Zhejiang befindet. Er hat bereits ein Alter von über 1300 Jahre erreicht. Laut der Überlieferung wurde dieser Meibaum vom Zhikai, dem Gründer der Tiantai-Schule des Buddhismus persönlich gepflanzt. Dieser alte Meibaum war mehrmals abgestorben und konnte doch immer wieder ins Leben zurückgerufen werden. Nun sieht sein Stamm zwar alt aus, rund herum haben jedoch neue Zweige ausgetrieben. Vor einigen Jahren trug er noch einige Tausend Früchte.

 

Der Ursprung der Meihua-Kultur in China liegt weit zurück, und sie kann eine lange Entwicklung vorweisen. Sie ist seit jeher mit dem Alltagsleben verschmolzen und findet ihren Ausdruck in Dichtung, Malerei, Musik und Theater, ja sogar in Sprichwörtern[10]. Es gibt Kreise[11] und Städte, die nach der Mei benannt wurden. Mei ist auch ein Familienname[12] und wurde außerdem insbesondere als Vorname für Mädchen gewählt. Auf diese Weise bildete sich eine vielfältige Meihua-Kultur heraus. Im Jahre 1929 legte die chinesische Nationalregierung die Meihua als Nationalblume fest. Nach 1949 wurden auch in der Volksrepublik China zwei Debatten um die Wahl einer Nationalblume geführt, ohne dass es bisher zu einer Entscheidung gekommen ist.

 

Die Kultivierung der Mei blickt in China auf eine mindestens 3000-jährige Geschichte zurück. Zu Beginn benutzte man die Meizi (Frucht) als Gewürz ähnlich der heutigen Sojasoße und dem Essig. Im uralten «Buch der Urkunden» heißt es: „Wenn man Suppe macht, braucht man Salz und Mei.“ Im «Buch der Dichtung - Zhaonan» (vor mehr als 2500 Jahren) gibt es folgendes Gedicht: „Pflück die Meifrüchte vom Baum, es sind noch sieben daran! Oh, mein Geliebter, wähle bitte ein glückliches Datum! ...“ In diesem Gedicht verleiht eine Jungfrau vermittels der Mei ihrer Liebe Ausdruck.

 

Im Jahre 1975 wurde in einem Grab aus der Yin-Zeit in Anyang, Provinz Henan, der Stein einer Meifrucht ausgegraben, der ein Alter von 3200 Jahren aufweist. Eine in Mawangdui in der Stadt Changsha ausgegrabene „eingelegte Meifrucht“ ist mit 2150 Jahren datiert. Ausgegrabene Kulturgüter beweisen, dass die Wertschätzung der Meihua bereits während der „Frühlings- und Herbstperiode“ und der „Zeit der Streitenden Reiche“ (770-221 v. Chr.) sehr verbreitet war. Doch damals wurden vor allem die Mei-Früchte als Lebensmittel, Geschenke und Opfergaben verwendet. In den Dynastien Han (206 v. Chr. – 220 n. Chr.) und Jin (265-420) sowie in der Zeit der Nördlichen und Südlichen Dynastien (420-589 n. Chr.) wurde die Mei immer mehr besungen, so dass die „Mei begann, auf Erden für ihre Blüten bekannt zu werden“.

 

In den «Xijing Zaji» (Aufzeichnungen aus der Westhauptstadt) wird berichtet: „Am Anfang der Han-Dynastie wurde der Shanglin-Garten gebaut. Aus weit entfernten Gegenden wurden seltene Früchte und Bäume dargebracht, darunter Mi-Mei (gelbe Mei) und Yanzhi-Mei (rote Mei). ... Im Shanglin-Garten der Han-Dynastie gab es Tongxin-Mei (Mei der gemeinsamen Herzen), Zidi-Mei (Mei mit dem Purpurnen Stiel) und Liyou-Mei (Mei der schönen Freunde).“

In der Jin-Zeit hatte einmal der Beamte und Literat Lu Kai einen Postboten beauftragt, einen Meihua-Zweig von Jingzhou in Sichuan an seinen besten Freund, den Literaten Fan Ye (398-445 n. Chr.), nach Xi’an zu befördern. Dazu hatte er ein Gedicht geschrieben: „Brach ich einen Meihua-Zweig und gab ihn dem Boten, um ihn meinem Freunde in Longtou (Xi´an) zu schicken. Es gibt hier südlich vom Fluß nichts anderes als das, so schenke ich Dir nur einen Zweig Frühling.“ (Übers. v. Li Shixun) Von da an wurde die Übermittlung von Meihua-Zweigen als Zeichen der Freundschaft gepflegt. Diese Anekdote ist in China eine beliebte Anekdote.

Bis zur Zeit der Nörd- und Südlichen Dynastien wurden die Gedichte und Anekdoten über die Meihua immer zahlreicher. In den «Jinling Zhi» (Annalen von Jinling (=Nanjing)) ist überliefert: „Die Prinzessin Shouyang, Tochter des Kaisers Song Wudi, lag am Mittag unter dem Dach der Hanzhang-Halle. Eine Blüte der Mei fiel auf ihre Stirn und hinterließ einen Abdruck mit dem Muster der fünf Blütenblätter, das sich nicht mehr entfernen ließ. Dieses Muster, Meihua-Schminkung genannt, wurde von allen Hofdamen nachgeahmt.“ (Übers. v. Li Shixun) Wahrscheinlich war dies die Entstehung der Schminke mit Meihuamuster.

 

In der Tang-Dynastie war die Meihua auf dem Berg Gushan in Hangzhou sehr berühmt. Der Dichter Bai Juyi (772-846) schrieb ein Gedicht: „Drei Jahre in Yuhang war ich schwermütig, und betrank mich mehrmals mit Meihua. Am Wuzu-Tempel sind sie so dicht wie Schnee, und im Garten von Gushan so schön wie Schminke.“ (Übers. v. Li Shixun) Der berühmte Beamte Song Huan aus der Tang-Dynastie hatte beim Ort Dongguan die Mei-Bäume in voller Blüte unter wilden Büschen gesehen und war davon so berührt, dass er nach seiner Rückkehr das Gedicht «Meihua Fu» schrieb, in dem folgende Verse vorkommen: Ich erblicke hundert Blumen und frage mich, welche wohl um den Frühling zu wetteifern wagen? Die Nachtigall setzt noch nicht zum Gesang an, in den Bienenstöcken herrscht noch Ruhe. Allein schreitest du im zeitigen Frühling und beherrschst die Welt. Kostbar ist es, den eigenen Charakter nie zu ändern, und so kann man dann als Edler sich auszeichnen.“  (Übers. v. Li Shixun)  Auch viele andere Dichter setzten der Meihua literarische Denkmale, so Du Fu (712-770) im Gedicht «Meihua am Fluss», Li Bai (701-762) im Gedicht «Begleitung des Freunde bei der Fahrt auf dem Mei-See», Liu Zongyuan (773-819) in «Frühe Mei», wie auch Han Yu (768-824), Li Shangyin (812-858), Du Mu (803-852) u.a. Dichter der Tang-Zeit in ihre Werken.

Die Lieblingskonkubine Jiang Caiping des Kaisers Tang Minghuang (685-762) hatte eine besondere Vorliebe für Meihua. Im Buch «Biographie der Konkubine Mei» heißt es: „An den Geländern ihrer Wohngemächer wurden mehrere Meibäume gepflanzt. ... Wenn die Meihua blühten, saß sie darunter, bewunderte die Blütenpracht bis tief in die Nacht und wollte sich nicht zurückziehen. Wegen ihrer Hingabe nannte sie der Kaiser deshalb scherzhaft Meifei (Konkubine Mei).“ (Übers. v. Li Shixun)

Der Dichter Wang Anshi (1021-1086) aus der Song-Dynastie schrieb das Gedicht «Meihua»: „Ein paar Mei-Zweige in der Mauerecke blühen allein in der Kälte. Selbst aus der Entfernung weiß ich, dass dort kein Schnee liegen kann, weil heimliche Düfte herangeweht werden.“ Dieses Gedicht wird in China als herausragendes Poem gewürdigt. Außerdem hatten Su Shi (1037-1101), Lu You (1125-1210) u.a. Poeten der Song-Zeit ebenfalls schöne Gedichte über die Meihua verfasst.

Die schönste klassische chinesische Geschichte über die Meihua ist die Legende von dem Einsiedler Lin Bu (auch: Hejing, 967-1028), einem Liebhaber der Meihua während der Nördlichen Song-Dynastie. Er ließ sich in Hangzhou nieder, heiratete nie und hatte auch keine Kinder. Er pflanzte Meibäume und züchtete Kraniche. Er sagte, „Mei ist meine Ehefrau und die Kraniche sind meine Söhne“. Die berühmten Verse seines Gedichts «Junge Mei im Berggarten» lauten: „Lichte Schatten liegen schräg a